Gleichzeitig Selbstbewusstsein und Distanz sollten die Bilder dieser Aufnahmereihe ausdrücken. Gerade in der Aktfotografie ist das Zeigen von selbstbewussten Models eine gute Möglichkeit, Spannung in ein Bild zu bringen. Immerhin bewegen sich die Fotomodelle hüllenlos vor der Kamera, sie sind durch das Fehlen von Bekleidung scheinbar verletzlich und angreifbar. Demgegenüber kann man Pose und Blick so wählen, dass ein hohes Maß an Stärke vermittelt wird, die ausdrückt, dass das Model die Situation durchaus im Griff hat.
Ein offensiver Blick in die Kamera und die fast schon arrogant wirkende Kopfhaltung von Modell Anna stehen im Gegensatz zu ihrer Nacktheit. Die Armhaltung wirkt beschützend, die zu Fäusten geballten Hände drücken Entschlossenheit aus. Auf Hair-Styling und besonderes Make-up wurde verzichtet, ein typischer Glamour-Shot war nicht Ziel bei den Aufnahmen. Vielmehr ging es um einen natürlichen und authentischen Ausdruck.
Die Lichtsetzung ist mit zwei Striplights von rechts und links jeweils aus einem Winkel von 90° geradezu klassisch.
Zangenlicht erzeugt helle Konturen, während über die Körpermitte ein vertikaler Schatten läuft, der sich zu den Seiten hin aufhellt.
Auf diese Weise kann man sehr gut die Plastizität des Körpers herausarbeiten.
Der blaue Hintergrundkarton wurde mit einer kleinen Softbox ausgeleuchtet, die auf dem Boden stand und nach oben gerichtet war.
Anna wurde aus relativ kurzer Entfernung mit einem 85-mm-Objektiv aus einer Perspektive unterhalb ihres Kopfes ungefähr auf Brusthöhe aufgenommen. Die niedrige Perspektive unterstützt den Blick „von oben herab". Wäre die Kamera höher, vielleicht sogar oberhalb des Kopfes gehalten worden - die Aufnahmen der Serie wurden ohne Stativ gemacht -, wäre der Ausdruck von Überlegenheit und Selbstbestimmtheit abgeschwächt worden.
Digitale Dunkelkammer und Retusche
An dem Bild sind mehrere Korrekturen nötig. Einige Körperformen müssen verändert werden, die stellenweise unruhige Haut geglättet. Um die Wirkung des Zangenlichts zu verstärken, sind intensive manuelle Kontrastkorrekturennötig. Die Augen werden aufgehellt, die Farbsättigung intensiviert. Ein besonders wichtiges Detail sind jedoch die Farbtonunterschiede zwischen verschiedenen Hautbereichen, die besonders an Händen und Gesicht auffallen.
Aufhellen, beschneiden und ausgewogene Tonwertverteilung
Das RAW-Bild wird in Lightroom aufgehellt und leicht beschnitten, so dass der Körper exakt mittig steht. Mit Hilfe der Farbton- Regler im Bereich HSL ist es in Lightroom möglich, die magentalastigen Hautbereiche schon hier ein wenig zu korrigieren. Vor dem Export in eine PSD-Datei für die Retusche in Photoshop werden noch Helligkeit,Kontraste und Aufhelllicht verändert, um eine ausgewogenere Tonwertverteilung zu erzielen.
Lokale Kontrastkorrektur, weiche Haut und Formen anpassen
Wie viel man an einem Bild wie dem hier gezeigten mit Photoshop verändert, hängt vom persönlichen Geschmack und der Erfahrung ab, die man in der Bildbearbeitung hat. Grundsätzlich gilt, je mehr Erfahrung, desto mehr Details fallen dem Fotografen oder Bildbearbeiter auf. Der folgende Workshop zeigt eine Ausarbeitung, die mit lokalen Kontrastkorrekturen, weicher Haut,veränderten Formen und Detailretuschen relativ weit geht. Trotzdem hat das Endresultat noch immer Potenzial für weitere Feinarbeiten.
[1] Körperformen bearbeiten
Öffnen Sie Ihr Foto in Photoshop und duplizieren Sie die Hintergrundebene. Um die Formen in einem begrenzten Bereich zu verändern, erzeugen Sie zunächst mit dem Lasso eine grobe Auswahl.
Rufen Sie anschließend den Filter Verflüssigen im Menü Filter auf. Falls Sie noch kein Lieblingswerkzeug im Dialog Verflüssigen haben, sollten Sie das Nach-links-schieben-Werkzeug aufrufen.
Stellen Sie eine passende Pinselgröße sowie Dichte und Druck ein und fahren Sie mit gedrückter linker Maustaste an den zu korrigierenden Konturen entlang.
Über die verschiedenen Rekonstruktions- und Wiederherstellungsbuttons können Sie Fehlversuche schnell wieder rückgängig machen. Passen Sie dann Druck und Dichte an und versuchen Sie es erneut.
[2] Detailretuschen durchführen
Hautunreinheiten, Falten und Narben werden mit den Retuschepinseln korrigiert.
Dieser Arbeitsgang kann je nach angestrebtem Ergebnis sehr lang dauern.
Je genauer Sie hier arbeiten, desto eher sieht das Resultat nach einem Motiv in einem Hochglanzmagazin aus.
Verwenden Sie für kleine, punktartige Störungen den automatisch arbeitenden Bereichsreparaturpinsel, für größere Fehler wie Narben oder Falten das Ausbessern-Werkzeug, Taste [J].
[3] Farbe der Lippen erhalten
Beim Entwickeln des Bildes in Lightroom und der partiellen Farbveränderung sind die Lippen zum Teil verfärbt worden.
Auf der linken Mundseite sind rosafarbene Sprenkel zu sehen. Bei der Retusche soll natürlich die Struktur der Lippen erhalten bleiben. Erzeugen Sie eine neue Ebene und stellen Sie deren Modus auf Farbton. Aktivieren Sie dann das Pinsel-Werkzeug und nehmen Sie mit dem Farbwähler (Klick auf das Symbol für die Vordergrundfarbe) einen Farbton der Lippe auf, der korrekt ist.
Übermalen Sie anschließend mit weicher Pinselspitze in der neuen Ebene die rosafarbenen Sprenkel. Die Luminanz und die Struktur der Lippen bleiben durch den Modus Farbton erhalten.
Was mit den Lippen funktioniert, klappt natürlich auch mit anderen Bereichen.
Sind Hauttöne zu unterschiedlich, kann man sie mit der gleichen Methode übermalen und angleichen.
[4] Partiell aufhellen
Nun geht es an die manuellen Kontrastkorrekturen. Gerade bei einem Bild mit der hier gezeigten Zangenlicht-Ausleuchtung ist es wichtig, die Licht-Schatten-Übergänge genau im Blick zu behalten und wenn nötig zu intensivieren.
Erzeugen Sie also eine neue Ebene und stellen Sie die Füllmethode auf Weiches Licht.
Aktivieren Sie das Pinsel-Werkzeug mit weicher Spitze, die Größe wird je nach Bedarf später angepasst.
Definieren Sie als Vordergrundfarbe Weiß - Taste [D] legt Schwarz und Weiß als Farben fest, Taste [X] vertauscht Vorder- und Hintergrundfarbe - und malen Sie mit geringer Deckkraft (ca. 10 %) über die hellen Stellen des Körpers.
Durch die weiße Farbe und den Modus Weiches Licht können Sie die Helligkeit behutsam verändern.
Wiederholen Sie die vorangegangenen Schritte und verwenden Sie diese neue Ebene, um die dunklen Bereiche mit schwarzer Farbe weiter abzudunkeln.
Zoomen Sie immer wieder aus dem Bild aus, [Strg]+[0] und betrachten Sie das ganze Foto, um die Wirkung der Kontrastkorrekturen besser beurteilen zu können.
Markieren Sie zum Schluss die beiden neuen Ebenen in der Ebenenpalette bei gedrückter [Strg]-Taste und gruppieren Sie sie mit [Strg]+[G].
Nach einem Doppelklick auf den Gruppennamen können Sie für bessere Übersicht einen neuen Namen vergeben.
[5] Haut glätten
Bei dem hier gezeigten Bild wurde für die Glättung der Haut ein Spezialfilter der Sammlung NIK Color Efex Pro 3 eingesetzt.
Der Filter mit dem Namen Dynamic Skin Softener ist sehr detailliert einstellbar und erhält trotz toller Weichzeichnung die Strukturen und Poren der Haut.
Ähnliche Ergebnisse kann man auch mit den Photoshop-Bordmitteln erzielen, wie bereits in vorangegangenen Workshops erklärt.
Um die Weichzeichnung nur auf die Haut zu begrenzen, wurde die Filterebene zunächst mit einer Maske abgedeckt.
Anschließend wird mit weißem, weichem Pinsel in die Maske gemalt, um die Weichzeichnung wieder hervorzuholen.
[6] Globaler Kontrast
Der nächste Arbeitsschritt ist ein Trick aus der Hochzeitsfotografie, um Kontraste und Sättigung behutsam anzuheben sowie das Bild mit einem Glamour-Effekt zu versehen.
Erzeugen Sie zunächst eine neue Ebene, indem Sie alle bisherigen Inhalte kopieren und in die neue Ebene einfügen.
Die Tastenkombination dazu lautet [Strg]+[Alt]+[ª]+[E].
Alternativ können Sie auch mit [Strg]+[A]alles markieren und alle sichtbaren Elemente mit [Strg]+[ª]+[C] in die Zwischenablage kopieren.
Anschließend wird der Inhalt der Zwischenablage mit [Strg]+[V] als neue Ebene eingefügt.
Stellen Sie die Füllmethode der neuen Ebene auf Weiches Licht, was Kontrast und Sättigung anhebt.
Rufen Sie nun den Gaußschen Weichzeichner auf und zeichnen Sie die neue Ebene mit einem großem Radius von ca. 30 Pixeln weich.
Erzeugen Sie dann eine neue Einstellungsebene Farbton/Sättigung und erstellen Sie mit Ebene/Schnittmaske erstellen eine Schnittmaske mit der darunterliegenden Ebene.
Erhöhen Sie dann die Helligkeit der Einstellungsebene und stellen Sie gleichzeitig die Sättigung mit den entsprechenden Reglern ein.
Auf diese Weise können Sie Sättigung und Kontraststeigerung sehr fein justieren.
[7] Mehr Überblick
An dieser Stelle ist die Hauptarbeit abgeschlossen und Sie können, falls Sie noch weitere Feinheiten am Bild optimieren möchten, alle vorhandenen Ebenen in eine Gruppe packen.
Markieren Sie dazu bei gedrückter [Strg]-Taste im Bedienfeld Ebenen die Ebenensymbole und drücken Sie dann die Tastenkombination [Strg]+[G]. Nennen Sie die Ebenengruppe z.B. Retusche.
[8] Feintuning
Beim Feintuning wird unter anderem, auf einer neuen Ebene mit der Füllmethode Weiches Licht, eine manuelle Vignette erzeugt, indem mit großem weichen Pinsel mit Schwarz bei geringer Deckkraft die Bildecken übermalt wurden.
Außerdem werden nochmals die Körperformen (Haare und Hals) mit dem Verflüssigen-Filter verändert sowie einige Kleinigkeiten (Flecken, Hautstörungen) retuschiert, die im ersten Durchgang übersehen wurden.
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