RAW - Grundlagen
Was ist RAW? Teil 2
Da jede Filterfläche vor einer Sensorzelle platziert ist, könnte man auch (vereinfachend) von roten, gelben und grünen Sensormesswerten ausgehen. Ein Rotfilter vor einer Zelle erzeugt einen eindeutigen Messwert nur für Rot, Grünfilter nur für Grün, Blaufilter nur für Blau.
Der direkte Weg zur Farbe
Das Ergebnis wären drei Datenreihen, eine mit allen - unterschiedlich hellen - Rotwerten, eine mit allen Grünwerten und eine mit allen Blauwerten, wobei die „Grünreihe" doppelt so viele Messwerte enthielte wie die Rot- oder die Blaudatei. Diese drei Datenreihen müssen mit geeigneter, aber relativ einfacher Software nur noch übereinandergelegt werden, und es entsteht eine Farbdatei mit präzisen Farben direkt aus der Messung und ohne Interpolation.
In einer solchen Bilddatei setzt sich dann jeder Bildpunkt im fertigen Bild aus der Helligkeits und Farbinformation von vier Sensorpunkten zusammen - Rot, Grün1, Grün2 und Blau. Da jede Sensorzelle eine Farbinformation im Umfang von 12 Bit liefert und jeweils vier Sensorzellen die Farb- und Helligkeitsinformation eines Bildpunkts liefern, erhält man im Resultat für jeden Bildpunkt eine Informationstiefe von 48 Bit - an Präzision in Farbe und Helligkeit kaum zu überbieten.
Gravierender Nachteil dieses Verfahrens ist jedoch, dass, weil jeweils die Farb- und Helligkeitsinformation von vier Zellen zusammengenommen wird, die Gesamtausbeute der für die Bildinformation nutzbaren Zellen nur noch ein Viertel beträgt. Das bedeutet nichts anderes, als dass die Auflösung des Bildes nur noch ein Viertel beträgt. Derartige Verfahren werden in der Tat eingesetzt, jedoch nicht in den derzeit üblichen Digitalkameras der Consumer- oder Spiegelreflexklasse.
Konzentrat aus Farbpräzision und höchster Auflösung
Man möchte doch lieber jede Sensorzelle nutzen und damit die volle Sensorauflösung zur Verfügung haben - und benötigt dafür auch die vollständige RGB-Farbinformation für jeden Messwert, für jede Sensorzelle und für jeden Bildpunkt.
Da diese Information zunächst nicht da ist und auch messtechnisch nicht erfasst werden kann, muss sie anderweitig ermittelt werden. Heute eingesetzt wird daher ein Verfahren, das mittels Interpolation das Beste aus den sich widersprechenden Anforderungen „höchste Farbpräzision" und „höchste Auflösung" zu ermitteln versucht.
Interpolation bedeutet dabei, auf Basis bestimmter Grundannahmen und mithilfe eines mathematischen Algorithmus Informationen zu errechnen, die ursprünglich nicht vorhanden sind. Es handelt sich dabei um eine Schätzung oder Hochrechnung - man spricht bei diesem Verfahren von der Bayer-Interpolation.
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Zu den Grundannahmen gehört unter anderem, dass sich zwei benachbarte Pixel, auch wenn sie durch die vorgeschaltete Filterebene einmal rot und einmal blau beleuchtet werden, in der Farbe sehr wahrscheinlich nur geringfügig unterscheiden, also immer auch ein gewisser Anteil der „Nachbarfarbe" auftritt.
Auch die Farben des Nachbarn müssen mit ran
Zudem muss die Software natürlich dennoch Farbwechsel, insbesondere harte und abrupte Wechsel an Kanten, erkennen und verhindern, dass das Bild „vermatscht", weil Nachbarfarben zu große Bedeutung beigemessen wird.
Dazu muss über mehr als ein Pixel in die Nachbarschaft geblickt werden, und der Berechnungsalgorithmus muss entsprechend aufwendig sein. Bei der Bayer-Interpolation liegen also Farben nie als klare Messwerte vor, sondern es werden immer auch die Nachbarpixel über einen mehr oder weniger weiten Bereich mit herangezogen.
Kantenglättung - Anti-Aliasing
Dieses Streuen auf benachbarte Sensorzellen wird nicht nur ausschließlich durch die Software des RAW-Konverters (intern oder extern) ausgeführt, sondern vor der Sensorebene sitzt zusätzlich eine weitere Filterebene, ein Anti-Aliasing- Filter (auch als Tiefpassfilter bezeichnet), der das eintreffende Licht geringfügig streut.
Würden die Sensorinformationen ohne diese künstliche Streuung ausgewertet, wäre die Gefahr groß, Farbsäume oder Moirémuster in das Bild zu bekommen. Mit dieser Streuung wird andererseits jedoch eine leichte Unschärfe erzeugt.
Dies ist der Grund dafür, dass Digitalfotos in jedem Fall leicht nachgeschärft werden müssen - was im JPEG-Prozess, der ja nichts anderes als ein in der Kamera ablaufender RAW-Prozess ist, immer gleich direkt in der Kamera geschieht und was im externen RAW-Prozess manuell gesteuert durch den RAW-Konverter auszuführen ist.
Die Notwendigkeit zum Nachschärfen einer Digitalaufnahme rührt daher nicht aus der minderwertigen Qualität von Fotograf, Objektiv oder Kamera, sondern ist systembedingt erforderlich. Zur Kunst der Kamera- bzw. Sensorhersteller gehört es, den Anti-Aliasing-Filter so zu dimensionieren, dass der gewünschte Effekt (Verhinderung von Bildartefakten wie Moiré oder Farbsäumen) zwar eintritt, aber noch nicht zu einer zu starken Unschärfe führt. In detailreichen RAW-Konvertern wie etwa SILKYPIX sind diese Parameter direkt beeinflussbar.
Empfindlichkeiten - ISO, ASA, DIN
Eine Sensorzelle reagiert mit der Messung und Registrierung eines bestimmten Helligkeitswerts auf das Eintreffen einer bestimmten Menge Licht. Die Ausgangsempfindlichkeit eines Sensors, meist auch gleichzeitig niedrigste Empfindlichkeit, ist dabei so ausgelegt, dass übliche, durchschnittliche Motive von den Sensorzellen sauber verarbeitet werden können, also weder zu wenig Signal (Untersättigung) noch einen zu hohen Signalpegel (Übersättigung) erzeugen. Die Lichtmenge, die auf den Sensor auftrifft und von diesem registriert wird, wird, wie immer schon und bei jeder Kamera, durch Blende und Belichtungszeit gesteuert.
Bei einer bestimmten Helligkeit und einer bestimmten Lichtmenge muss die korrekte Lichtmenge durch eine Abstimmung von Blende und Zeit erfolgen, wobei beide Parameter auch Auswirkung auf andere, bildgestalterische Aspekte haben. Die Blende beeinflusst u. a. die Schärfentiefe, die Belichtungszeit sowie das Verwackeln durch Kamera- und Objektbewegung.
Digitalkameras und nicht nur Spiegelreflexkameras bieten die Möglichkeit, die Empfindlichkeit dynamisch und von Bild zu Bild zu verändern, manuell oder automatisch.
Die Automatikfunktion sollte allerdings nicht genutzt werden, da sie zu eher unglücklichen, unvorhersehbaren Ergebnissen führen kann.
Rauschen
Eine Veränderung der Empfindlichkeit ist jedoch nicht anderes als eine Verstärkung der Messwerte jeder Sensorzelle und damit auch eine Verstärkung aller ungewollten Daten. Diese ungewollten Daten rühren aus Pixelfehlern des Sensors oder einfachen Messfehlern. Eine höhere Temperatur des Sensors kann zu gehäuftem Auftreten von solchen Messfehlern führen - man nennt dies „Rauschen".
Eine Erhöhung der Empfindlichkeit ist also nichts anderes als eine Verstärkung der Messwerte. Der Fotograf muss sich darüber im Klaren sein, dass er damit zwar mehr Möglichkeiten hat, die „richtige" Lichtmenge aufs Bild zu bekommen, aber dafür Qualitätseinbußen, insbesondere Rauschen, einkalkulieren muss.
Kurz:
- RAW-Dateien sind (zunächst) Graustufendateien mit Aneinanderreihungen von Messwerten der einzelnen Sensorzellen.
- Eine Erhöhung der Empfindlichkeit (ISO-Zahl) entspricht einer gleichmäßigen Erhöhung aller Messwerte bzw. einer Verstärkung der gemessenen Signale - und der Messfehler (Rauschen).
- Farbinformation wird durch ein Filtermosaik in den Farben Rot, Grün, Blau, Grün ermittelt, wobei vor jeder Sensorzelle eine Filterfarbe platziert wird.
- Präzise Farbmessung erfordert vier Sensorzellen und würde damit zu einer Viertelung der Sensorauflösung führen.
- Volle Nutzung der Sensorauflösung erfordert komplette Rot-Grün-Grün-Blau-Farbinformation auf jeder Sensorzelle.
- Da nur eine dieser Farben direkt gemessen werden kann, muss die volle Farbinformation mathematisch geschätzt (interpoliert) werden.
- Zur Farbinterpolation wird die Farbinformation der Nachbarzellen herangezogen.
- Ein Anti-Aliasing-Filter ist zur Streuung der Lichtinformation einer Filterzelle erforderlich, schafft aber leichte Unschärfen, die nachgeschaltet behoben werden müssen.
- Im RAW-Konverter, der in der Kamera oder außerhalb im Computer ausgeführt werden kann, wird diese Information bei Veränderbarkeit einer Vielzahl von Parametern zu einem finalen Farbbild verarbeitet.
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Karl Obermayr
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